[02. November 2005] EU will Altersgrenze für Alkohol anheben
Die Europäische Union plant offenbar, die Altersgrenze für den Kauf von Wein und Bier einheitlich auf 18 Jahre anzuheben. Der Präsident des Deutschen Weinbauverbandes, Norbert Weber, sagte der "WELT", der Vorschlag stehe im Zusammenhang mit einem umfangreichen Bericht über die Alkoholpolitik in den EU-Mitgliedsstaaten, der Anfang 2006 vorgelegt werden solle. In dem "Weißbuch" geht es unter anderem darum, wie Alkoholmißbrauch bekämpft werden kann.
Bislang bestimmen die EU-Staaten die Grenzen und Verordnungen selbst. Die EU-Kommission versuche schon länger, in diesem Bereich mehr Einfluß zu bekommen, sagte Weber. Die Diskussion stehe noch ganz am Anfang, bis eine solche Richtlinie umgesetzt werde, könnten noch Jahre vergehen.
Ganz neu sind die Überlegungen in Brüssel nicht. Gleich nach seinem Amtsantritt im November 2004 hatte der EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, Markos Kyprianou, dem Alkoholkonsum den Kampf angesagt. In Luxemburg legte er im März einer Arbeitsgruppe sein Strategiepapier vor, das unter anderem eine weitere Senkung der Promillegrenze für Autofahrer vorsah und die Einführung staatlicher Verkaufsmonopole nach schwedischem Vorbild.
Tatsächlich wird nirgendwo auf der Welt so viel gebechert wie in Europa. 12,1 Liter reinen Alkohol trinkt statistisch jeder Europäer pro Jahr. Das ist doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt, rechnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor. Nach einer WHO-Studie sterben 600 000 Menschen jährlich an den Folgen übermäßigen Trinkens, davon sind 63 000 im Alter zwischen 15 und 29 Jahren.
Natürlich sei Alkohol für Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter schädlich, sagte Weinbauverbandspräsident Weber. Verschärfte gesetzliche Bestimmungen sieht der Verband skeptisch. "Alle Erfahrungen in den skandinavischen Ländern haben doch gezeigt, daß die Rigorosität von Gesetzen kontraproduktiv ist", sagte Weber. Wo etwa Alkoholkonsum unter der Woche verboten sei, führe das nur dazu, daß der Konsum am Wochenende "völlig ausartet" und sich die Menschen als Gegenreaktion komplett betränken. "Wir sind deshalb gegen neue Gesetze, Verbote und Einschränkungen." Statt dessen setzt der Verband auf Aufklärung.
In Großbritannien hilft das derzeit wenig. Dort darf Alkohol an Jugendliche erst ab 18 Jahren verkauft und ausgeschenkt werden. Die Realität aber sieht anders aus. Das sogenannte Binge-Drinking, bei dem sich auch Jüngere an Wochenenden zu Alkoholexzessen hinreißen lassen, beschäftigt seit Monaten die Politik. In groß angelegten Kampagnen wird derzeit auf der Insel versucht, vor den gesundheitlichen Gefahren des Alkoholmißbrauchs zu warnen. Der Erfolg blieb bisher jedoch aus.
In Frankreich ist Ausschank und Verkauf alkoholischer Getränke an Jugendliche, die jünger als 16 Jahre sind, verboten. Spirituosen darf man erst ab 18 kaufen.
In schwedischen Restaurants und Kneipen müssen die Käufer 18 Jahre alt sein, in den staatlichen Alkoholgeschäften Systembolaget 20 Jahre. Die Altersgrenzen werden außerhalb der Systembolaget-Geschäfte häufig verletzt, die Kontrollen sollen verschärft werden. In der EU drängt Schweden auf härtere Regeln.
Quelle: Die Welt zurück |