[16. August 2007] Schweiz: Lebenslängliche Methadonabgabe?
In der Schweiz ist in den vergangenen Tagen eine intensive drogenpolitische Debatte entflammt. Auslöser war ein Schriftstück der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin. Sie will die Abstinenz der Süchtigen nicht mehr als einziges Ziel der Drogenpolitik akzeptieren und forderte, dass suchtkranke Menschen in vielen Fällen dauerhaft die Ersatzdroge Methadon erhalten sollten.
Die Ärzte warnen in einem offiziellen Papier, das im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) entstanden ist, ausdrücklich vor der Abstinenz, dem Versuch, aus der Drogensucht auszusteigen. Die Handlungsanleitung richtet sich an sämtliche Schweizer Ärzte. Die Suchtärzte raten darin von Abstinenztherapien ab. Gegenüber dem Beenden einer Methadonabgabe sei "Vorsicht geboten", da sie mit "erheblichen Risiken" verbunden seien, heisst es warnend in den Richtlinien.
Man müsse "sich definitiv vom dogmatischen Ziel der Abstinenz" von Drogensüchtigen verabschieden, argumentiert der Zürcher Suchtarzt Daniel Meili, einem Mitverfasser des Papiers. Die von außen forcierte Abstinenz, so Meili, sei "eine gefährliche Option". Denn ehemalige Fixer lebten mit einem größeren Risiko, bei einem Rückfall an einer Überdosis Heroin zu sterben.
Noch bevor das Papier der Suchtmediziner in allen Details bekannt geworden ist, gibt es in der Schweiz einen Sturm der Kritik. Methadon mache schließlich selbst süchtig. Beim Schweizer Bundesamt für Gesundheit heißt es, die Entwöhnungsprogramme mittels Methadon dauerten immer länger. Nach Darstellung des Züricher Tagesanzeiger nutzen Süchtige Methadon als "Basisversorgung" und nehmen dazu noch Kokain oder Heroin.
Auch unter den Schweizer Suchtärzten herrscht zum Thema Methadon keine Einigkeit. Daniele Zullino, Chefarzt der Genfer Substitutionskliniken, ist aufgrund des Papiers zusammen mit Kollegen unter Protest aus der Suchtmedizinergesellschaft ausgetreten. Er kritisiert, mit solchen Empfehlungen würden nicht nur sämtliche nicht pharmakologischen therapeutischen Anstrengung entwertet, sondern letztendlich auch das Vier-Säulen-Prinzip der ganzen Drogenpolitik.
Quellen:
Süddeutsche Zeitung
Tagesanzeiger




