[19. August 2009] Internetabhängigkeit wird nicht als Suchtform wahrgenommen
„Internetsucht wird oft als Spleen oder Spinnerei abgetan, obwohl es sich dabei um eine Krankheit bzw. Suchtform handeln kann“, erklärt Primar Michael Musalek vom Anton-Proksch-Institut für Suchterkrankungen in Wien. Nicht jeder, der viel Zeit mit dem Computer verbringt, ist abhängig. Musalek weiß jedoch von Usern, die rund um die Uhr im Internet surfen und sogar auf alltägliche Bedürfnisse wie trinken, essen und schlafen vergessen - der Drang online zu sein, ist einfach größer. Im Fachjargon bezeichnet man dieses Phänomen als "Craving". Es ist eines von mehreren Merkmalen der Onlinesucht. Zu dem Drang kommt, dass der Betroffene die Kontrolle über seinen Internetkonsum verliert und immer länger im Netz verweilt. Dadurch komme es laut Musalek zu einer gewissen Toleranzentwicklung: „Der Betroffene muss die Dosis kontinuierlich erhöhen, um befriedigt zu sein. Das bedeutet, er muss immer länger und länger surfen.“ Dies wiederum könne die totale Vernachlässigung des Lebens abseits vom Computer mit sich bringen. „Soziale Kontakte werden abgebrochen, Hobbys aufgegeben, der Job vernachlässigt. Das Leben wird derart auf das Onlinesein zentriert, dass alles andere in den Hintergrund rückt“, so der Experte. „Ein Teufelskreis, wie bei jeder Sucht.“ Wer diese Symptome an sich bemerkt, der sollte sich rasch in Beratung begeben. Musalek bedauert, dass bei der Onlinesucht das Problembewusstsein in der Gesellschaft noch nicht besonders ausgeprägt ist. „Viele wissen gar nicht, dass man internetsüchtig werden kann, sie sind sich der Gefahr gar nicht bewusst“, betont er. In der Therapie lernt der Betroffene, wieder normal mit einem Computer umzugehen. „Das ist nicht leicht, denn PCs sind im Alltag allgegenwärtig, Abstinenz wie bei der Drogensucht ist hier fast unmöglich“, erklärt Musalek.
Laut Anton-Proksch-Institut sind geschätzte 60.000 Österreicher stark gefährdet, internetabhängig zu werden bzw. sind es schon. Generell sind vor allem Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren betroffen, weswegen Musalek diese Erkrankung auch als "Generationenproblem" bezeichnet: „Da überwiegend junge Menschen das Internet nutzen, sind sie auch eher gefährdet als ältere, die sich nicht oder wenig mit Computern beschäftigen.“
Quelle: Salzburger Nachrichten




