[30. August 2010] Musik als Therapie für Suchtkranke
Für eine 39-jährige Alkoholkranke war es die größte Anerkennung, als ihre seit Jahren in der Schublade liegenden Gedichte vertont wurden. Ein alkoholabhängiger Berufsmusiker wiederum nahm nach langer Zeit wieder seine Gitarre zur Hand. Zwei Beispiele, wie das in der Wiener Suchtklinik Anton-Proksch-Institut (API) entwickelte innovative Musik-Projekt "Fade into Life" (engl. für zurück ins Leben, Anm.) den Patienten wieder neuen Sinn und Impulse für ein suchtfreies Leben gab.
"In der Suchtbehandlung setzen wir heute vor allem darauf, die verschütteten Ressourcen, Fähigkeiten und Stärken der Betroffenen herauszuarbeiten. Musik ermöglicht da sehr viel", sagt Psychologe Oliver Scheibenbogen, Leiter des API-Therapiebereichs "Aktivierung". Das Projekt wurde 2009 gestartet, bisher haben rund 200 Patienten während ihres mehrwöchigen stationären Aufenthalts im API daran freiwillig teilgenommen. In einem Tonstudio wurden mit Profi-Musikern eigene Songs erarbeitet - und auf CD gepresst. Mittlerweile gibt es ein eigenes Tonstudio, in dem gerade die zweite CD entsteht.Es steht auch ambulanten Patienten offen.
Das klingt nach netter Freizeitbeschäftigung, ist aber viel mehr. In der Suchtbehandlung kann Musik helfen, negativen Druck abzubauen und Emotionen aktivieren. "Die Patienten spüren sich selbst sozusagen wieder besser. Das gemeinsame Musizieren, das Erlebnis eines Bühnen-Auftritts und das Gefühl, etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben, sind elementare Bestandteile des Genesungsprozesses", sagt Gabriele Gottwald-Nathaniel, die die Idee zu "Fade into Life" hatte. "Unsere Patienten müssen Wege finden, nach der stationären Therapie ihren bisherigen Alltag auch ohne Suchtmittel zu bewältigen. Zu 98 Prozent bleiben die Teilnehmer der Therapie treu." Werden die eigenen Ressourcen gestärkt, verringere sich auch das Verlangen nach dem Suchtmittel. Dass Musik und Texte selbst erarbeitet werden, ist Teil des Konzepts: "Es ist keine klassische Musiktherapie oder ein bisschen musizieren in der Gruppe. Das Ziel ist von Anfang an klar: Professionelle Songs sollen entstehen", betont sie. Die Kosten (120.000 Euro) werden aus dem Budget gedeckt.
Eine Perspektive ist für Suchtkranke äußerst wichtig: "Studien zeigen, dass die Rückfallquote in den ersten drei Monaten nach der Entlassung am höchsten ist", sagt Scheibenbogen. "Viele sehen keinen Grund, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Musik ist hier ein ganz wichtiges Element, um das Leben wieder sinnvoller zu gestalten. Manche Teilnehmer berichten, dass sie nun wieder einen Grund haben, um morgens aufzustehen und als wertvoller Teil einer Gruppe gebraucht und akzeptiert zu werden."
Die erste "Fade into Life"-CD ist über das Anton-Proksch-Institut unter www.api.or.at oder 01/88 010-0 erhältlich. Mit 12.000 Patienten pro Jahr (9 Zentren in Wien und NÖ) zählt das Anton-Proksch-Institut zu den größten Suchtkliniken Europas. Behandelt werden alle Formen von Abhängigkeit (Alkhohol-, Medikamente-, Drogen-, Spiel- und Internetsucht).
Link zum Projekt: http://www.api.or.at/typo3/startseite/news/2010-08-09.html
Quelle: Kurier




