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20.10.2017

Brennpunkt Suchtprävention in Zeiten von 4.0


Die 19. Jahrestagung der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft Suchtvorbeugung beschäftigte sich heuer mit Fragestellungen, die sich aus dem gesellschaftlichen Wandel ergeben, den wir alle derzeit durch die Digitalisierung und Ökonomisierung hautnah erleben. Im Verein „Österreichische ARGE Suchtvorbeugung“ sind sämtliche österreichische Suchtpräventionsfachstellen sowie die Fachstellen aus Südtirol und Liechtenstein vertreten. Organisiert und ausgerichtet wurde die Tagung vom Institut Suchtprävention in Linz. Christoph Lagemann, der nicht nur Leiter des Instituts Suchtprävention ist, sondern auch als Obmann der ARGE Suchtvorbeugung fungiert, übernahm dabei eine weitere Rolle: Er führte als Moderator durch das Programm der Veranstaltung, die von Dr. Johanna Schopper, der Nationalen Drogenkoordinatorin (BM für Gesundheit und Frauen) eröffnet wurde.

Das Tagungsprogramm war mit hochkarätigen Vortragenden besetzt, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Thema Digitalisierung bzw. ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, insbesondere auf die Bereiche Sucht und Suchtvorbeugung erörterten. Physischer Ausgangspunkt der Tagung war das Ars Electronica Center (AEC) in Linz. Im „Deep Space“, einem einzigartigen Raum, in dem Bildwelten in 8K-Auflösung projiziert werden, gab der künstlerische Leiter des AEC, Gerfried Stocker, den Teilnehmern/innen einen Einblick in die Entwicklung von den Anfängen der Digitalisierung bis zu aktuellen Trends, wie dem „Internet der Dinge“ oder der „Artificial Intelligence“. Im Anschluss gab es eine 3D-Show mit AEC-Museumsdirektor Christoph Kremer. Abgeschlossen wurde der erste Tag mit einem Referat des Ökonomen und Kulturhistorikers Dr. Walter Otto Ötsch, der sich mit der „ökonomisierten Gesellschaft“ auseinandersetzte und dabei jene historisch-ökonomischen Hintergründe und Entwicklungen aufzeigte, die zum aktuellen gesellschaftlichen Wandel führten. Dazu gehört beispielweise der seit den 1990er-Jahren spürbare Trend, wirtschaftliche Kennziffern und Vorgaben in Bereiche der Gesellschaft einzuführen, die in früheren Zeiten eigenständigen Logiken gefolgt sind, wie etwa das Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem. Dazu zählen aber auch die Folgen einer zunehmenden Ungleichheit in Einkommen und Vermögen, die sich auch in einer wachsenden Schicht von Menschen auswirkt, die in den Arbeitsmarkt kaum oder nur noch prekär integriert sind und dadurch sozial an den Rand gedrängt werden.

Der zweite Tag im oberösterreichischen Haibach an der Donau (Schlögener Schlinge) begann mit einem Vortrag von Mag. Seifried Seyer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Suchtprävention in Linz, der sich mit den unterschiedlichen Ausprägungen der menschlichen Selbstoptimierung im Zeitalter der Digitalisierung beschäftigte: vom substanzbezogenen Enhancement, über die neurotechnischen Möglichkeiten bis hin zur „optimalen“ selbstvermessenden Selbstdisziplinierung. Im Anschluss bot der „Doyen“ der österreichischen Suchtforschung, Prof. Dr. Alfred Springer einen spannenden Aufriss über die aktuellen Entwicklungen und Auswirkungen der neurowissenschaftlichen Forschung auf die Themen Sucht und Suchtvorbeugung. Dabei gewinnen laut Springer paternalistische und manipulative Vorstellungen hinsichtlich der Ausrichtung der präventiven Arbeit zunehmend an Bedeutung. Als ein Beispiel unter vielen gilt hier der bereits seit längerer Zeit existierende Diskurs über die (prophylaktische) Nutzung von „Vakzinen“ (Stichwort „Impfung gegen Sucht“), die den Eintritt der Suchtmittel ins Gehirn verhindern sollen. Dabei entstehen neben gesundheitlichen Fragestellungen auch hohe ethische Problembereiche, die in Zukunft verstärkt diskutiert werden müssen. Dipl.-Psych. Roland Simon, der ehemalige Leiter der Abteilung “Consequences, Interventions and Best Practices” der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) in Lissabon, gab dem Fachpublikum schließlich einen kurzen Einblick in die drogenpolitisch relevanten Agenturen der Europäischen Union und beleuchte dabei auch die Rolle Europas anhand aktuelle Trends (NPS, Cannabisrecht etc.). Mag. Peter Eberle (Institut Suchtprävention) erläuterte die Technologie der VR-Brille, die von den Teilnehmer/innen auch getestet werden konnten.

Einen philosophischen Schwerpunkt setzte in weiterer Folge Prof. DDDr. Felix Tretter, der sich in zwei Vorträgen mit grundlegenden Fragen zur „Ökologie der Sucht“ auseinandersetzte, wobei er die unterschiedlichen Menschenbilder und vor allem den Menschen als Teil seiner Umwelt in den Mittelpunkt stellte: Was ist der Mensch in der Gesellschaft? In welchen Lebensbereichen bewegt er sich und in welchen Beziehungen steht er? Die philosophische Auseinandersetzung mit diesen Fragen kann und sollte auch als „Gegengewicht“ zu rein naturwissenschaftlichen Perspektiven der Sucht- und Suchtpräventionsforschung dienen. Den Abschluss der Tagung bildete ein Beitrag von Prof. Dr. Petra Grimm von der Hochschule der Medien in Stuttgart. Sie beschäftigte sich in ihren Ausführungen vor allem mit ethischen Fragen der Digitalisierung und zeigte u.a. auf, wie schnell und präzise aus den digtialen Fußabdrücken, die Menschen in Sozialen Medien hinterlassen, ein digitales „Profil“ entstehen kann. Die Grenzen zwischen Online und Offline lösen sich zunehmend auf und verändern auch Wertesysteme. Die Antwort auf die sich stellende Frage, wie ein Leben unter den Bedingungen der Digitalisierung gelingen kann, sieht Petra Grimm u.a. in der Reflexion des eigenes Handelns und seiner Folgen und dem Prinzip der Verantwortung. Dazu braucht es jedoch eine neue Wertehaltung im Sinne einer Digitalen Ethik.

Als Kurzresümee dieser Jahrestagung kann festgehalten werden, dass die Veranstaltung eine Vielzahl von Fragestellungen zu aktuellen Brennpunkten, aber auch zu vielen Zukunftsthemen aufgeworfen hat, die nicht immer unmittelbar beantwortet werden können. Viel entscheidender wird jedoch sein, sich der neuen in Zeiten von 4.0 sich ergebenden gesellschaftlichen Herausforderungen bewusst zu sein und dieses Bewusstsein aktiv in die tägliche Präventionsarbeit miteinzubeziehen. Zu diesem Zweck werden in den nächsten Wochen in allen Fachstellen Reflexionsrunden einberufen, aus denen in weiterer Folge auch konkrete Umsetzungen in die Praxis erfolgen sollen.

 

Österreichische Arbeitsgemeinschaft Suchtvorbeugung

 

Text: Günther Ganhör
Bild: Sabine Mayer