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15.10.2018

Rückfall: "Der Elefant, den keiner sieht"


Ein Rückfall in ein nicht wünschenswertes Substanzkonsumverhalten verursacht bei Betroffenen nicht selten Scham und das Gefühl des Versagens; bei Vorgesetzten und Arbeitskolleg/inn/en oft Enttäuschung und Ärger. Dabei ist ein Rückfall ein fast zu  erwartendes Ereignis auf dem Weg aus einer Suchterkrankung. Führungskräfte sollten sich bei Auffälligkeiten grundsätzlich nicht scheuen den „Elefanten, den keiner sieht“, beim Namen zu nennen.

Was bedeutet „Rückfall“ in Bezug auf problematischen Substanzkonsum?

Ein Rückfall ist immer das Abweichen von einem im Vorhinein gesteckten Ziel, das jedoch unterschiedlich sein kann. Ein Rückfall kann es sein, statt der vorgenommenen 3 Zigaretten pro Tag doch 10 zu rauchen oder die angestrebte absolute Abstinenz nach einer Alkoholentwöhnungsbehandlung nicht zu erreichen. Meist geht dem konkreten Konsum schon ein „trockener Rückfall“, also ein Rückfall in alte Denkmuster und Verhaltensweisen voraus. Auch die Verlagerung von einer Abhängigkeit zu einer anderen (z.B. vom Glücksspiel zu Medikamenten) kann als Rückfall gewertet werden.

Nicht jeder Rückfall ist gleich und führt automatisch zum völligen Kontrollverlust.  Jörg Petry, deutscher Psychologe und Autor hat in diesem Zusammenhang den Begriff „Vorfall“ eingeführt. Ein Vorfall kann bewältigt werden und zu einer stabileren Abstinenz bzw. zu einer realistischeren Einschätzung führen, welcher Umgang mit Substanzen (noch) möglich ist. Natürlich birgt jeder Rückfall auch die Gefahr, wieder ganz in alte Konsummuster zurückzuführen.

Rückfälle und Therapieziele in der Suchtbehandlung

Führte noch vor einigen Jahrzehnten  ein Rückfall zum Ausschluss aus der Behandlungseinrichtung, ist die Bearbeitung und Prävention von Rückfällen heute ein fester Therapiebestandteil. Außerdem ist eine lebenslange Abstinenz nicht immer das einzig mögliche und sinnvolle Ziel einer Suchtbehandlung. Je nach bisheriger (Konsum-)Geschichte, den vorhandenen Konsummustern und ihren Begleiterscheinungen, den Ressourcen der Person usw. können auch Konsumreduktion,  Konsumpausen, kontrollierter Konsum oder Substitution (Medikamente als ärztlich verordnete Ersatzstoffe) Ziele sein.

Warum und wann kommt es zu Rückfällen?

Nach Marlatt und Gordon (1985) spielen soziale, kognitive und verhaltensbezogene Faktoren eine Rolle, wenn es zu einem Rückfall kommt. Werden in einer unausgewogenen Lebenssituation (z.B. Einsamkeit, Stress) scheinbar harmlose Entscheidungen getroffen (z.B. Probleme nicht ansprechen, ein Lokal aufsuchen), entstehen rückfallgefährdende Hochrisikosituationen, für die die vorhandenen Bewältigungsstrategien nicht ausreichen. Ungünstige Gedanken oder Emotionen führen zum „Vorfall“, zum ersten Substanzkonsum. Aus dem ersten Ausrutscher wird dann eher ein schwerwiegender Rückfall, wenn starke Schuld- und Schamgefühle auftreten und die Gründe für den erneuten Substanzkonsum vorwiegend bei sich selbst gesucht werden.

Innere Risikosituationen (60% aller Rückfälle):
- Unangenehme Gefühlszustände
- Unangenehme körperliche Zustände
- Angenehme Gefühlszustände
- Versuche eines kontrollierten Konsums
- Plötzliches Verlangen

Äußere Risikosituationen (40% aller Rückfälle):
- Konfliktsituationen
- Soziale Verführungssituationen
- Geselligkeit

Körkel und Schindler, die ein eigenes Programm zur Rückfallprävention bei Alkoholabhängigen entwickelt haben, konnten belegen, dass es bei 80% der Betroffenen zu erneutem Substanzkonsum kommt. Die Rückfallwahrscheinlichkeit ist in den ersten Monaten am höchsten. Rückfälle sollten nicht als  Scheitern von Betroffenen oder Behandlern gesehen werden,  sondern sind mitunter ein hilfreiches Symptom im Krankheitsverlauf, dessen Bearbeitung einen wichtigen Schritt in der
Genesung darstellt.

Hilfreiche Strategien bei Rückfällen – Tipps für Führungskräfte u.a. Schlüsselkräfte in Unternehmen:

Für Führungskräfte sind Rückfälle meist dann relevant, wenn es zu Arbeitsausfall wegen Substanzkonsum oder zu beeinträchtigtem Erscheinen am Arbeitsplatz kommt. Sinnvoll ist, sich als Dienstgeber mit der Möglichkeit eines Rückfalls auseinanderzusetzen und auch diese Situation in der Erstellung einer Betriebsvereinbarung zur Intervention bei suchtgefährdeten Mitarbeitern/innen mit zu regeln und in Rückkehrgesprächen mit betroffenen Mitarbeitern/innen zu thematisieren.

Grundsätzlich gilt:
- Keine Heimlichkeiten! Nennen Sie den „Elefant, den keiner sieht“ beim Namen!
- Keine Vorwürfe! Ein Rückfall ist keine Charakterschwäche, sondern häufiger Bestandteil des Krankheitsverlaufes.
- Vermitteln Sie, wenn möglich, dass ein Rückfall nichts Ungewöhnliches ist und dass Sie an den/die Mitarbeiter/in glauben.
- Fordern Sie den/die Mitarbeiter/in trotzdem auf, wieder zu den vereinbarten (Abstinenz)zielen zurückzukehren und sich rasch (wieder) in Behandlung zu begeben.
- Je rascher professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, desto schneller und einfacher ist der gewünschte Status wieder herzustellen!
- Weisen Sie auf mögliche Konsequenzen eines fortgesetzten Konsums hin und machen Sie deutlich, dass die Verantwortung beim/bei der Mitarbeiter/in liegt.

Was können Sie als Führungskraft oder Kollege/in  zur Unterstützung der Abstinenz eines suchtkranken Menschen tun?

Halten Sie während der Behandlung Kontakt mit dem/der Mitarbeiter/in. Entscheiden Sie gemeinsam, was den Wiedereinstieg erleichtert und welche Informationen die Kolleg/inn/en bekommen sollen (Berufliches Eingliederungsmanagement).

Die besten Chancen auf einen guten Verlauf haben Menschen, die alle drei Stufen einer Suchtbehandlung absolvieren: körperlicher Entzug,  (psychosoziale) Entwöhnungsbehandlung und Nachsorge z.B. durch Selbsthilfegruppen.  Nur ein sehr kleiner Teil aller alkoholabhängigen Menschen in Österreich nimmt eine Alkohol-Entwöhnungsbehandlung in Anspruch. Schätzen Sie das Bemühen Ihrer/s Mitarbeiters/in!

Nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz sollten Sie  ehrlich und klar sein.  Verheimlichen Sie Ihre Gefühle nicht. Unterlassen Sie nicht Handlungen nur deshalb, weil Sie befürchten, diese könnten einen Rückfall auslösen.

Setzen Sie sich gemeinsam neue Ziele. Übertragen Sie Ihrem/r Mitarbeiter/in nach und nach wieder Verantwortung. Sie ermöglichen damit wieder Erfolgserlebnisse und drücken Wertschätzung aus.

Schenken Sie Ihrem/r Mitarbeiter/in Vertrauen, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis alle im Team dem Neustart trauen und zu einem neuen Gleichgewicht finden.

Regeln Sie in Ihrer firmeninternen Suchtpräventions-Betriebsvereinbarung auch die Möglichkeit eines  Rückfalls: Wird bei einem Rückfall  wieder bei jener Stufe im Handlungsschema fortgesetzt, auf der der/die Betroffene vor der Behandlung war? Ab wann gelten die Vorfälle als verjährt, sodass wieder auf Stufe 1 des Handlungsleitfadens begonnen wird?


Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen:

Selbsthilfegruppen für (entwöhnte) Alkoholiker

Beratungsstellen in Oberösterreich, an die sich auch Führungskräfte und Kolleg/inn/en wenden können

Unterstützung für Unternehmen bei betrieblicher Eingliederung (betriebsservice.info)

 

Quellen/weiterführende Informationen:

Hilfestellungen für Führungskräfte:  http://www.stepcheck.at/betrieb/

SuchtMagazin 1/2016: Rückfälle. www.suchtmagazin.ch
Infodrog Bern

Körkel, Joachim und Schindler, Christine: Rückfallprävention mit Alkoholabhängigen: Das strukturierte Trainingsprogramm S.T.A.R. Springer Verlag. 2003.

 

Text: Mag. Rosmarie Kranewitter-Wagner

Foto: Pixabay.com lizenziert unter CC0 Public Domain