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11.07.2018

Suchtförderndes Verhalten – gut gemeint ist nicht immer hilfreich


Standardisierte Präventions- und Stufenplangespräche als Teil der betrieblichen Suchtprävention sind eine gute Möglichkeit, um Probleme oder Krisen bei Mitarbeiter/innen bereits in einer frühen Phase zu erkennen und anzusprechen. (Bild: © Jeanette Dietl / Fotolia)

Sucht ist immer auch ein soziales Geschehen. Das soziale Umfeld spielt nicht nur bei der Entstehung von Sucht eine bedeutende Rolle, Personen im Umfeld eines süchtigen Menschen zeigen mitunter auch typische Verhaltensmuster. In der Annahme, der/m Betroffenen zu helfen und ihr/sein Verhalten beeinflussen zu können, werden häufig Verantwortung abgenommen, Fehler ausgeglichen, Drohungen ausgesprochen, das Ausmaß des Problems nach außen verheimlicht und eigene Bedürfnisse zunehmend in den Hintergrund gestellt. Man spricht von „Co-Abhängigkeit“, seltener auch von „Co-Alkoholismus“ oder „Co-Verhalten“.

Begriffsgeschichte „Co-Abhängigkeit“ oder vom Wandel der Wahrnehmung eines Phänomens

Der Begriff „Co-Abhängigkeit“ stammt aus Selbsthilfegruppen von Angehörigen alkoholkranker Menschen, die sich in den 1950er Jahren in den U.S.A. bildeten und gemeinsam versuchten, die Ohnmacht im Umgang mit süchtigen Angehörigen zu reduzieren. In der Folge wurde der Begriff inflationär verwendet, auf unterschiedlichste Settings von Arbeitsplatz bis Suchtbehandlungseinrichtungen übertragen und sehr unterschiedlich definiert. Neben dem ursprünglich neuen und sicherlich hilfreichen systemischen Blick auf Sucht kam es auch zu einer Opfer-Täter-Umkehr. Angehörige von Suchtkranken  wurden zum Teil als Schuldige, als „Komplizen der Sucht“ stigmatisiert. Aus einer Problembeschreibung wurde zunehmend eine eigene Diagnose „Co-Abhängigkeit“. Uhl und Puhm (2007) empfehlen, von „suchtförderndem Verhalten“ zu sprechen, um stigmatisierende Zuschreibungen möglichst zu vermeiden.

Neben der Schwierigkeit, einen treffenden und nicht wertenden Begriff zu finden, darf nicht übersehen werden, dass Menschen im Umfeld von suchtkranken Personen hohen Belastungen ausgesetzt sind und meist aus einer positiven Absicht heraus handeln.

Suchtförderndes Verhalten am Arbeitsplatz


Eine ähnliche Dynamik wie im familiären Umfeld findet sich  auch am Arbeitsplatz. Wenn Kolleg/inn/en den Substanzkonsum von Mitarbeiter/inne/n über lange Zeit tolerieren und Verantwortung eher abnehmen als sie einzufordern, tragen sie nicht nur dazu bei, dass sich riskante Konsummuster der betroffenen Person verfestigen, sie laufen auch Gefahr, sich selbst zu überfordern.

Was tun als Kollege/in?

- Übernehmen Sie keine Mehrarbeit, die durch die sinkende Leistungsfähigkeit Ihres/r Kollegens/in entstanden ist!

- Vertuschen Sie Fehler nicht aus falsch verstandener Solidarität!

- Achten Sie auf Ihre eigenen Belastungsgrenzen und lassen Sie sich nicht von den Problemen anderer vereinnahmen!

- Suchen Sie das Gespräch mit dem/r Kollegen/in! Mit Formulierungen wie „Du bist mir wichtig…ich mache mir Sorgen um dich, weil…mir fällt auf, dass du in letzter Zeit…“ können eigene Wahrnehmungen mitgeteilt werden und der Einstieg in ein Gespräch gelingen. Dabei sollten keine  Diagnosen gestellt oder Eingeständnisse des Gegenübers erzwungen werden.

- Wenn sich trotz des Gespräches mit dem/r Kollegen/in nichts ändert und die Situation zunehmend belastend wird, wenden Sie sich an Ihre Vorgesetzten. Thema sollten die Veränderungen im Arbeitsverhalten und der Leistung des/r Kollegens/in und die daraus resultierenden Belastungen für Sie sein. Der Zusammenhang mit übermäßigem Substanzkonsum kann hergestellt werden und ist eventuell ohnehin schon bekannt.

- Wenn Kolleg/inn/en unter akutem Substanzeinfluss zum Dienst kommen, wenden Sie sich ebenso an Ihre Führungskraft. Arbeitnehmer/innen, die sich selbst oder andere gefährden, müssen vom Arbeitsplatz verwiesen werden.

Was tun als Führungskraft?

- Signalisieren Sie ehrliches Interesse am Wohlergehen Ihrer Mitarbeiter/innen und seien Sie wachsam  für Belastungssignale im Team!

- Decken Sie das Fehlverhalten riskant konsumierender Beschäftigter nicht durch besonderes Entgegenkommen wie z.B. nachträgliches Umwandeln von Fehlzeiten in Urlaubstage.

- Führen Sie frühzeitig strukturierte Gespräche mit auffälligen Mitarbeiter/inne/n, die das Einfordern einer Verhaltenskorrektur mit Hilfeangeboten kombinieren und entlang eines „Stufenplanes“ laufend an Verbindlichkeit und Öffentlichkeit zunehmen. Viele Unternehmen regeln solche Stufenpläne in einer Betriebsvereinbarung. Siehe dazu auch Newsletterbeitrag März 2017 (Frühintervention als Instrument betrieblicher Suchtprävention)


Phasen von suchtförderndem Verhalten

Wenn nicht bewusst gegengesteuert wird, kommt es erfahrungsgemäß zum typischen Phasenverlauf von suchtförderndem Verhalten, der sich meist über viele Jahre erstreckt:

In der „Beschützerphase“ werden Fehler entschuldigt, Belastungen abgenommen, die Situation verharmlost. Man zeigt Verständnis für den/die konsumierende/n Kollegen/in.

In der „Kontrollphase“ wird für den/die Betroffene/n nach Lösungen gesucht, es werden Situationen vermieden, die den Konsum z.B. von Alkohol nahelegen und es wird versucht, das Verhalten des/der Betroffenen zu kontrollieren.

In der „Anklagephase“ ist kaum mehr Verständnis vorhanden. Es kommt zu Vorwürfen und offener Aggression. Nun ist es nur mehr schwer möglich, zu konstruktiven Lösungen zu kommen. Die Situation ist verfahren, die Kolleg/inn/en sind meist nicht mehr bereit, mit der betroffenen Person zusammen zu arbeiten. Häufig kommt es dann zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen.

Wie schon in früheren Beiträgen kann daher auch beim Thema suchtförderndes Verhalten nur auf die Wichtigkeit einer nachhaltig verankerten Suchtpräventionsstrategie und Frühinterventionskultur in Unternehmen hingewiesen werden. Je offener das Thema Sucht bearbeitet wird, desto geringer ist das Risiko von nicht hilfreichem Verhalten von Kolleg/inn/en und desto eher wird dem Tabuthema Sucht die Bedrohlichkeit genommen.

 

Text: Mag. Rosmarie Kranewitter-Wagner

 



Weiterführende Infos, Literatur, Links:

Handlungsempfehlungen und hilfreiche Videos für Mitarbeiter/innen und Führungskräfte http://www.alcoolautravail.ch/de

Beratungsstellen in Oberösterreich, an die sich auch Angehörige,  Kolleg/inn/en und Vorgesetzte wenden können https://www.praevention.at/infobox/hilfsangebote-ooe.html

Seite für Angehörige von suchtkranken Menschen: http://www.co-abhaengig.de

Alfred Uhl, Alexandra Puhm: Co-Abhängigkeit – ein hilfreiches Konzept? In: Wiener Zeitschrift für Suchtforschung, 30, 13–20, 2007 https://www.researchgate.net/publication/258697484_Co-Abhangigkeit_-_ein_hilfreiches_Konzept

Bindung-Beziehung-Co-Abhängigkeit. Grüner Kreis Magazin Nr. 96, 2015, S. 20 https://www.gruenerkreis.at/sites/default/files/uploads/magazin/attachements/magazin-magazin-96.pdf