Logo

QUELLE: http://www.praevention.at

Diese Seite Drucken

Problemverständnis und Merkmale von "Sucht"

Das Wort "Sucht" leitet sich aus dem germanischen "siech" ab, das ursprünglich auf Siechtum und Krankheit hinwies, und hat sich vermutlich erst im 19. Jahrhundert zu einem moralisch besetzten Begriff gewandelt.

 

Die Definitionen und Problembewertungen im Zusammenhang mit Sucht(erkrankungen) waren und sind stets durch kulturelle und historische Faktoren und Strömungen geprägt. So konnte beispielsweise in komplexen Gesellschaften niemals ein umfassender, stabiler Konsens über die konkreten Grenzen der Einhegung alkoholischer Getränke erzielt werden.

 

Sucht oder Abhängigkeit?

 

Oft wird gefordert, den „alten“ Terminus Sucht durch den von der WHO vorgeschlagenen aktuelleren Begriff „Abhängigkeit“ zu ersetzen. Der Ausdruck „Sucht“ kommt jedoch in zahlreichen etablierten Bezeichnungen wie z.B. Suchtprävention, Suchthilfe, Suchtkoordination, Suchtgedächtnis, Suchtmittelgesetz usw. vor, weswegen die Idee, kategorisch auf den Begriff „Sucht“ zu verzichten, kaum umsetzbar scheint.


Bei der Klassifizierung von Krankheit hat sich jedoch klar der Terminus „Abhängigkeit“ durchgesetzt. Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) formulierte Abhängigkeitssyndrom lautet wie folgt:


„Es handelt sich um eine Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz oder einer Substanzklasse für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden. Ein entscheidendes Charakteristikum der Abhängigkeit ist der oft starke, gelegentlich übermächtige Wunsch, psychotrope Substanzen oder Medikamente (ärztlich verordnet oder nicht), Alkohol oder Tabak zu konsumieren“.

 


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat dazu auch diagnostische Leitlinien erstellt, die wie folgt lauten:

 

  1. „Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren.
  2. Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums.
  3. Ein körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion des Konsums, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssyndrome oder durch die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden.
  4. Nachweis einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrigere Dosen erreichten Wirkungen der psychotropen Substanz hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich (eindeutige Beispiele hierfür sind die Tagesdosen von Alkoholikern und Opiatabhängigen, die bei Konsumenten ohne Toleranzentwicklung zu einer schweren Beeinträchtigung oder zum Tode führen würden).
  5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des Substanzkonsums, erhöhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen.
  6. Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen, wie z.B. Leberschädigung durch exzessives Trinken, depressive Verstimmungen infolge starken Substanzkonsums oder drogenbedingte Verschlechterung kognitiver Funktionen. Es sollte dabei festgestellt werden, dass der Konsument sich tatsächlich über Art und Ausmaß der schädlichen Folgen im klaren war oder dass zumindest davon auszugehen ist.“


Die Diagnose "Abhängigkeit" ist zu stellen, wenn mindestens drei Kriterien über einen längeren Zeitraum gleichzeitig auftreten.


Weiterführende Literatur:

 

Dilling, H.; Mombour, W.; Schmidt, M.H. (1993): Internationale Klassifikation psychischer Störungen, 2. Auflage, Verlag Hans Huber Uhl et al. 2013

 

Uhl, A.; Schmutterer, I.; Kobrna, U.; Strizek, J. (2013): Delphi-Studie zur Vorbereitung einer „nationalen Suchtpräventionsstrategie mit besonderem Augenmerk auf die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen“

http://www.api.or.at/sp/download/delphistudie_suchtplan%20links_%20korr.pdf