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06.04.2021

Vorträge und Nachlese zur Jugendtagung 2021 - mit Videos

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Die diesjährige Jugendtagung, die am 23. März 2021 über die Bühne ging, war in mehrfacher Hinsicht eine Premiere in der fast 20-jährigen Geschichte dieses Veranstaltungsformats von Institut Suchtprävention und Verein I.S.I. Nach der Corona-bedingten Absage im Vorjahr fand die Tagung heuer zum ersten Mal als Online-Format statt. Erstmals war auch das Medienzentrum WienXtra als Kooperationspartner für den reibungslosen technischen Support mit an Bord und erstmals nahmen über 400 Interessierte via Zoom und Youtube live an der Jugendtagung teil. Vorweg: Es war eine in allen Belangen überaus gelungene Premiere. Das neu zusammengestellte Moderatoren-Duo Herbert Baumgartner (Institut Suchtprävention) und Christine Rankl (Verein I.S.I.) wusste von Beginn an zu überzeugen und führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur kurzweilig durch die Halbtages-Veranstaltung, sondern brachten auch die Anliegen und Fragestellungen, die sich via Chat angesammelt hatten, gut auf den Punkt. Die Fachvorträge und Inputs der Referentinnen und Referenten waren durchwegs spannend und mit hochaktuellem Bezug.

So stellte zu Beginn Mathias Rohrer vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung (Wien, Hamburg) brandneue Studienergebnisse zur aktuellen Lebenslage von österreichischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vor. Dabei zeigte sich u.a., dass die meisten Jugendlichen grundsätzlich eine hohe Lebenszufriedenheit haben. Dennoch macht sich die allgegenwärtige psychische Dauerbelastung der Corona-Krise auch stark bemerkbar. So hat sich die Selbstsicht für die Zukunftsperspektive bei den 16- bis 29-Jährigen (1000 Befragte) verschlechtert. Sahen im Vorjahr ca. 30 % düster in die Zukunft sind es derzeit 42 Prozent, vor allem bei den Mädchen und jungen Frauen hat sich diese Perspektiv-Einschätzung merkbar verschlechtert. Auch die Corona-Maßnahmen und die aktuelle Impf-Kampagne scheinen derzeit nur einen Teil der jungen Menschen zu überzeugen. So beabsichtigt derzeit nur etwa ein Drittel der Befragten, sich impfen zu lassen. Insgesamt bietet sich derzeit für Jugendforscher ein ambivalentes Bild, das sich zwischen den Polen Freiheits- und Sicherheitsbedürfnis bewegt. Einerseits gibt es bei jungen Menschen ein starkes Bedürfnis nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit in der Freizeit, andererseits existiert ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität in Familie, Beruf und Ausbildung. Eine Renaissance der hedonistischen Werte scheint realistisch: Es gibt das Bedürfnis nach Corona wieder intensiver zu leben und zu genießen. Dennoch bleiben Zukunftsängste präsent, da Zukunft von vielen als unsicherer Ort erlebt wird, insbesondere was die Arbeitsmarktsituation betrifft.

>>> Download Vortragsfolien Mathias Rohrer

 

Im zweiten Vortrag des Tages beleuchtete Univ.-Prof. Dr.Paul Plener die aktuelle Situation junger Menschen aus Sicht der Jugendpsychiatrie. Als Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien ist Prof. Plener tagtäglich mit den unmittelbaren Folgen psychischer Belastungen von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Während der Corona-Pandemie seien die Stressoren für Kinder und Jugendlichen gestiegen. Dazu zählen neben persönlichen auch familiäre und strukturelle Faktoren wie z.B. Arbeitslosigkeit der Eltern, Wegfall von Hilfesystemen usw. Ein zentraler Punkt ist dabei die Frage, ab wann Belastungen eine Art von Stress auslösen, die als toxisch eingestuft werden muss, weil diese Art von Stress zu bleibenden Effekten in stressverarbeitenden Systemen führt. Eine besonders vulnerable Gruppe sind die etwas älteren Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Prof. Plener führte mehrere aktuelle Studien an, die ein zum Teil drastisches Bild zeichnen. Die Schule und viele Freizeitbeschäftigungen sind im Zuge der Corona-Beschränkungen weggefallen. Die Häufigkeit von depressiven Symptomen sowie von Symptomen für Angst- und Schlafstörungen hat sich hingegen im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten deutlich erhöht. Zudem sei ein Anstieg an häuslicher Gewalt zu verzeichnen. Besonders besorgniserregend seien die nun häufiger auftretenden Suizid-Gedanken junger Menschen. Trotz dieser Alarmsignale sei es laut Plener überaus wichtig auch positive Faktoren der Krise herauszustreichen und in eine aktive „Vorwärtsverteidigung“ zur Krisenbewältigung zu gelangen. Letztlich sei das Potenzial für die positive Bewältigung vorhanden. So sei laut aktuellen Untersuchungen beispielsweise vielfach ein stärkerer innerfamiliärer Zusammenhalt zu beobachten, oder die Erkenntnis, dass Schule nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung ist, sondern auch einen großen positiven sozialen Faktor darstellt. Zudem konnten viele Jugendliche erfolgreich alternative Arbeits- und Kommunikationsformen erproben. Als wichtige Exit-Strategie sieht Prof. Plener u.a. den Sport und die aktive Bewegung an der frischen Luft.

>>> Download Vortragsfolien Paul Plener

 

Im zweiten Teil der Tagung stand der Praxisbezug in der Jugendarbeit im Vordergrund. Mag. Stefan Leyerer vom Verein I.S.I. Streetwork gab in seinem Beitrag einen spannenden Einblick in den Workshop „FAKE off“. Dieses Angebot widmet sich dem Umgang Jugendlicher mit Informationen, (Falsch-) Meldungen und Nachrichten im Internet, vor allem via Social Media Plattformen. Dabei sei zunächst die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung von Bedeutung. Denn Realität und eigene Wahrnehmung unterscheiden sich oft deutlich voneinander. Wie anfällig wir Menschen für Verzerrungen und Trugbilder sind, veranschaulichten einige interessante Bildbeispiele oder Beispiele für so genannte „Deep Fake“-Videos. Neben der Wahrnehmung ist die Frage „Wo schaue ich hin?“ ein weiterer zentraler Bestandteil dieses niedrigschwelligen und akzeptanzorientierten Bildungsangebots. Ziel sei letztlich die Suche nach einer offenen und konstruktiven Gesprächshaltung, als Gegenentwurf zu bewusster Manipulation und Besserwisserei. Dabei geht es in erster Linie um die Entwicklung von Selbstreflexion und Fähigkeiten zur Einschätzung und Beurteilung der Zuverlässigkeit von Quellen.

>>> Download Vortragsfolien Stefan Leyerer

 

Den Abschluss der Fachreferate bildete der Beitrag von Mag.a Katharina Röggla, die aus der Praxis der offenen Kinder- und Jugendarbeit in Wien berichtete. In ihren Ausführungen plädierte sie für eine lebensweltorientierte Fachlichkeit im Umgang mit jugendlichem Risikoverhalten zu Pandemiezeiten. Bei der Auseinandersetzung zur Frage, wie Kinder und Jugendliche mit der Pandemie umgehen und wie sie selbst das Risiko einschätzen, kann es laut Röggla nicht um einen erhobenen Zeigefinger gehen, sondern darum, die Risikokompetenzen der jugendlichen Zielgruppen zu stärken.

weiterführende Infos: Artikel von Katharina Röggla in der Zeitschrift Sozialarbeit, Dez. 2020, „Corona hat mein Hirn gef***t“ (via gesunde-jugendarbeit.at)

 

 

 

Videos zur Jugendtagung 2021