
Knapp 600 Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Bereichen der schulischen und außerschulischen Arbeit saßen am 17. März 2026 vor den Bildschirmen und nahmen an der diesjährigen Jugendtagung teil, die heuer unter dem Motto „Jugend zwischen Alltag und Algorithmus“ stand. Die Kooperationsveranstaltung des Instituts Suchtprävention von pro mente OÖ mit dem Verein I.S.I. war einmal mehr ein überaus spannender und gelungener Online-Event, der durchwegs hochinteressante und aktuelle Themen aus dem Bereich der außerschulischen Jugendarbeit aufs Tapet brachte.
Gleich zu Beginn beschäftigte sich die Buchautorin und Journalistin Ingrid Brodnig in ihrem Beitrag mit der Komplexität und Vielfalt digitaler Kommunikationskanäle und bot damit einen perfekten Einstieg in das Tagungsthema. Im Zentrum ihrer Ausführungen stand dabei zunächst die enorme Fülle an potenziellen Belastungen, denen Jugendliche über die von ihnen genutzten Social-Media-Kanäle bzw. über deren Feeds und Accounts ausgesetzt sind. Ein Beispiel dafür sind etwa Inhalte, die unter Hashtags wie „#SkinnyTok“ extreme Schlankheit als Körperkult in Szene setzen und vor allem Mädchen und junge Frauen mit ihren Botschaften unter Druck setzen und zu negativer Selbstwahrnehmung führen können. Jedoch seien nicht alle Jugendlichen gleichermaßen betroffen, vor allem vulnerable Gruppen, die ohnehin schon mit Problemen belastet sind, seien hier besonders gefährdet. Eine große Rolle spielen die jeweiligen Algorithmen, die junge Menschen tiefer in problematische Inhalte hineinziehen können. Daher sei es nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene wichtig zu wissen, welche grundsätzlichen Logiken zum Beispiel hinter der Befüllung des persönlichen Feeds stecken. Neben individueller Achtsamkeit – v.a. in Zusammenhang mit stark emotionalisierenden Inhalten – sei es daher auch enorm wichtig, strukturelle Maßnahmen zu setzen – zum Beispiel in Form strengerer Regulatorien für Social-Media-Anbieter.
Die Soziologin Laura Wiesböck, die u.a. die Junior Research Group "Digitalisierung und soziale Transformation" am Institut für Höhere Studien Wien leitet, beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit den ambivalenten Auswirkungen der Verbreitung einer „psychotherapeutischen Kultur“ über digitale Kanäle. Ein zentraler Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig vorkommt ist „Mental Health“. Es sei zwar grundsätzlich positiv, dass Themen der psychischen Gesundheit weltweit eine wachsende Öffentlichkeit erreichen, jedoch sei der Mental-Health-Begriff auf den digitalen Social-Media-Plattformen sehr stark von einem US-amerikanischen Gesundheitsansatz bzw. von einer neoliberalen Haltung geprägt. Dies sei insofern problematisch, da die Verantwortung für „Gesundheit“ dabei oft in erster Linie beim Individuum, beim einzelnen Menschen, verortet werde ohne die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen miteinzubeziehen. Dies legte Laura Wiesböck sehr anschaulich auch am Beispiel der immer beliebter werdenden Social-Media-Videos zu Selbstdiagnosen psychiatrischer Krankheitsbilder dar. Vereinfachte Symptomzuschreibungen und Diagnosen, die ohne Fachpersonal gestellt werden, könnten vor allem jugendliche Nutzer*innen verunsichern und dazu verleiten, Gefühle, die zwar unangenehm sind, aber durchaus normal, zu pathologisieren. Damit verknüpft seien wiederum nicht selten kommerzielle Interessen von Influencern, die weit über Medikamente hinausgehen würden. Wiesböck plädiert daher für eine „Politisierung der Innenwelten“, d.h. die Schaffung von Rahmenbedingungen, die u.a. eine sozial verantwortliche Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen ermöglicht, die unabhängig von kommerziellen Interessen stattfinden kann.
Nach einer Pause setzte Alexander Moschitz vom Verein für Männer- und Geschlechterthemen den Vortragsreigen fort. Er gab den Teilnehmer*innen Einblicke in die Welt antifeministischer Influencer*innen, aber auch in praxiserprobten Präventions- und Interventionsmethoden, wie zum Beispiel das speziell für Jugendliche entwickelte, mehrtägige Workshop-Konzept „Demokratie, Medien und Geschlechterkompetenz“, das vom VMG angeboten wird. Grundsätzlich sei es dabei wichtig sich Grundlagen zu Geschlecht und Männlichkeit näher anzusehen. Vor allem der Geschlechterbegriff beinhalte eine sehr starke kulturelle und soziale Prägung. Antifeministische Influencer*innen bauen ihre Botschaften jedoch auf ganz bestimmten Vorstellungen, zum Beispiel auf rein biologische oder „Gott gegebene“ Grundlagen von Geschlecht und Geschlechterrollen auf. Diese greifen jedoch bei näherer Betrachtung zu kurz, bedienen überholte Klischees (z.B. Frauen sind „fürsorglich“ und „weich“, Männer sind „hart“ usw.), verursachen bei Jugendlichen Stress (wenn das Selbstbild nicht einem bestimmten Ideal entspricht), werden vereinfacht dargestellt und docken häufig an Unsicherheiten, Frust oder Zugehörigkeitswünsche an. Zudem gebe es in der so genannten „Manosphere“ nicht selten Verbindungen zu autoritären, antidemokratischen und teils rechtsextremen Bewegungen. Das Gegenkonzept baut im Wesentlichen darauf auf, diese Mythen zu entlarven und Kompetenzen von Jugendlichen auf mehreren Ebenen zu stärken und konkrete Handlungsmöglichkeiten, Argumentationshilfen, Anlaufstellen und Weiterbildungsangebote aufzuzeigen.
Den Abschluss der Online-Tagung bildete der Vortrag von Andrea Rabenstein, die sich dem Thema Nikotin widmete. Als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Suchtmedizin ist sie seit 2010 an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum München tätig, u.a. auch in der Nikotin-Forschung. In ihrem Vortrag wurde klar, dass es beim Thema Rauchen schon längst nicht mehr nur um das klassische Verbrennen von Rauchtabak bzw. den Konsum von Tabakzigaretten geht. Denn in den vergangenen Jahren haben zahlreiche neue Konsumformen von Nikotin den Markt erobert. So genannte „Next Generation“-Produkte zielen häufig auf jugendliche und junge Zielgruppen ab. Dazu zählen tabakfreie Nikotinbeutel oder auch so genannte „ENDS“ wie beispielsweise E-Zigaretten und Tabakerhitzer, die häufig nikotinhaltige Aerosole erzeugen, welche inhaliert („gedampft“ oder „gevaped“) werden. Dr. Rabenstein gab dabei einen sehr guten Einblick in die Unterschiede hinsichtlich Technik, Nikotinabgabe, Zusatzstoffe und Konsumverhalten. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen vieler dieser Produkte, ihr Abhängigkeitspotenzial sowie ihre Rolle im Kontext von Einstiegs-, Dual- oder Ausstiegsszenarien seien jedoch bislang nur unzureichend geklärt und Gegenstand intensiver aktueller Forschung. Eines scheint jedoch bislang schon klar zu sein: Neue Nikotinprodukte werden mehr und mehr auf hohe und schnelle Nikotinabgabe getrimmt, die Tabak- bzw. Nikotinindustrie ist einflussreich, genereriert laufend neue Produkte und ist sehr kreativ in der Vermarktung und Positionierung ihrer Produkte. Der Jugendschutz scheint dabei oftmals Gefahr zu laufen auf der Strecke zu bleiben. Daher sei es laut Andrea Rabenstein wichtig, gesetzliche Grundlagen zu haben und Kinder und Jugendliche über die Gefahren des Nikotinkonsums aufzuklären. Diese bestehen nicht nur aufgrund gesundheitlicher Risiken, sondern betreffen auch die Bereiche Umweltschutz (Stichwort Sondermüll durch Einweg-Vapes) und Kinderrechte (Stichwort Kinderarbeit).
Zusammenfassend lässt sich für die überaus spannende Jugendtagung 2026 festhalten, dass es im Bereich der außerschulischen Jugendarbeit zahlreiche und zum Teil sehr unterschiedliche „brennende Themen“ gibt, die von den Vortragenden sehr eindrucksvoll und kurzweilig dargelegt wurden. Eine gemeinsame Klammer ist dabei die Digitalisierung der unterschiedlichen Themen und Diskurse via Social Media bzw. ganz allgemein die „digitale Kultur“, die für junge Menschen nicht mehr getrennt von allgemeiner Kultur betrachtet wird, sondern einen elementaren Bestandteil ihrer Sozialisierung darstellt, auch wenn sich diese auf sehr unterschiedliche „Bubbles“ aufteilt. Aufgrund der vielfältigen Herausforderungen denen sich Jugendliche derzeit stellen müssen, ist es auch für Eltern oder generell Erwachsene alles andere als einfach Jugendliche gut zu begleiten. Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit Jugendlichen arbeiten, können nicht auf allen Gebieten Expert*innen sein, sie können aber dennoch mit einer Beziehungsarbeit auf Augenhöhe sehr viel zum Positiven beitragen. Das hat auch die diesjährige Jugendtagung einmal mehr unter Beweis gestellt.






