



Bis auf den letzten Platz gefüllt war am 4. November 2025 der große Saal im Amtsgebäude Reithoffer in Steyr. Denn das regionale Präventionsnetzwerk „Flow Akut“ lud im Auftrag der Stadt Steyr zu einem Vortrag der renommierten Psychiaterin und Buchautorin Dr.in Adelheid Kastner. Kastner ist Primaria der Forensisch-Psychiatrischen Abteilung des Kepler Universitäts Klinikums und seit bald 30 Jahren in allen Bereichen der forensischen Psychiatrie bzw. als Gerichtsgutachterin (u.a. im Fall Fritzl) tätig.
Beim Vortrag in Steyr, der von Dr. Michael Schodermayr, dem Vizebürgermeister der Stadt mit einem kurzen Rückblick auf die Errungenschaften des Netzwerks Flow Akut eröffnet wurde, ging es jedoch weniger um die Psychiatrie sondern um die Frage: „Harmlose Drogen – gibt es sowas?“ Eine einfache Frage, die seriös beantwortet meist komplexe Antworten nach sich zieht. So war es auch bei den Ausführungen von Adelheid Kastner, die speziell den Substanzkonsum im Kontext psychiatrischer Krankheitsbilder näher beleuchtete. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Forensik betonte Kastner, dass es in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine starke Veränderung beim Drogenkonsum gegeben hat. Das zeigen sowohl die jährlichen Drogenberichte, aber auch die praktischen Erfahrungen aus der Psychiatrie. Vor allem das Thema Cannabis bereitet Kastner zunehmend Sorge. Cannabis war und ist die in Österreich am häufigsten konsumierte illegale psychoaktive Substanz. Und obwohl der THC-Gehalt von Cannabis im Vergleich zu früheren Jahrzehnten im Durchschnitt stark angestiegen sei, so Kastner, nehme weltweit die öffentliche Wahrnehmung der Gefahren des Cannabiskonsums tendenziell ab. Zudem habe auch die Produktvielfalt im Bereich Cannabis zugenommen, oft würden auch synthetische Cannabinoide oder andere „legal highs“ konsumiert, was die klinische Diagnose oft deutlich erschwere.
Grundsätzlich besitzen Personen, die häufig Cannabis mit hohem THC-Gehalt konsumieren, ein erhöhtes Risiko für Psychosen. Auch wenn noch nicht restlos geklärt sei, ob Personen mit psychischen Erkrankungen häufiger konsumieren oder aber Cannabis-Konsum das Erkrankungsrisiko ursächlich erhöht. Im Gegensatz zu einem psychotischen Zustand, der wieder aufhört, bleiben psychotische Erkrankungen wie Schizophrenie bestehen. Besonders für von Psychosen betroffene Jugendliche bestehe hier ein hohes Risiko, den Anschluss oder Wiedereinstieg in ein weitgehend normales Leben zu verpassen. In der Forensik beobachtet Kastner seit rund zehn Jahren einen deutlichen Anstieg der Fälle von Schizophrenie in Verbindung mit exzessivem Cannabiskonsum. Ein in diesem Zusammenhang relevanter Aspekt sei auch das durch internationale Studien belegte vierfach erhöhte Schizophrenie-Risiko für junge Männer.
Die Wiedereingliederung dieser Patient*innen in die Gesellschaft werde aus ihrer Erfahrung heraus immer schwieriger, da oft die psychische Leistungsfähigkeit dieser Menschen stark beeinträchtigt und die weitere geistige Entwicklung aufgrund schwerwiegender Schädigungen des Gehirns blockiert sei. Die Folge sei nicht zuletzt eine deutlich längere Aufenthaltsdauer in den psychiatrischen Kliniken. Je früher eine Cannabiskonsumstörung eintritt, desto schlechter sei dies generell für die weitere Hirnentwicklung, so Kastner.
Eine Legalisierung oder teilweise Legalisierung von Cannabis sieht sie im Grunde neutral. Denn letztlich sei dies eine politische und keine medizinische Entscheidung. Unabhängig vom Rechtsstatus sei es ihr aber ein besonderes Anliegen, dass man über die Gefahren, vor allem eines häufigen Konsums stark THC-haltiger Substanzen Bescheid wissen sollte.
Denn: Eine umfassende und verlässliche Information – nicht nur über Cannabis, sondern über Substanzkonsum allgemein – ist für die Prävention von zentraler Bedeutung. Sie trägt dazu bei, verzerrte „normative beliefs“, also falsche Vorstellungen darüber, wie verbreitet oder akzeptiert Substanzkonsum tatsächlich ist, entgegenzuwirken und Mythen wie „das macht ohnehin jede*r“ zu korrigieren.
Der spannende Vortrag von Primaria Kastner ging in eine ebenso lebendige und interessante Fragerunde über, die auch Raum bot, um das eine oder andere konkrete Fallbeispiel zu diskutieren. Das einmal mehr große Interesse an der FlowAkut-Veranstaltung zeigt jedenfalls, dass dieses regionale Netzwerk stets am Puls der Zeit agiert. Die Vorfreude auf die nächsten Veranstaltungen ist jedenfalls groß!
Über Flow Akut: Das Netzwerk, das vom Institut Suchtprävention, pro mente OÖ koordiniert wird, besteht in dieser breiten Zusammensetzung schon seit über zwei Jahrzehnten. Entstanden aus der Vernetzung von Prävention, Drogenberatung und der Exekutive, setzt sich das Netzwerk für Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lebenslagen ein.






